Das neue Specialized Turbo Levo Gen3 im Test

So schlägt sich das neue Trail e-Mountainbike

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Das Turbo Levo der Kultmarke Specialized setzt bei e-Mountainbikes bereits seit seinem Erscheinen im Jahr 2015 Maßstäbe, war immer wieder Testsieger und oft richtungsweisend für die Entwicklung des gesamten Marktes.
Das Specialized Turbo Levo Gen3 zeigt in der getesteten Pro Variante kompromisslos, auf welch hohem Niveau sich die e-Bike Technik in der Modellsaison 2022 befindet. Denn für ihren Preis erhält der e-MTB Fahrer kein einfaches Facelift des bewährten Konzepts, sondern ein völlig überarbeitetes e-Bike. Welche Neuerungen das Turbo Levo Gen3 bereithält und wie es sich in der Praxis fährt? Darüber gibt Fahrtechniktrainer Christof Steier, alias Belchenradler, in seinem Testbericht Aufschluss.

Erster Eindruck des Specialized Turbo Levo Gen3


Wem das alte Specialized Turbo Levo gefallen hat, kann beruhigt aufatmen. Auch die dritte Generation ist bereits auf den ersten Blick klar erkennbar wieder ein typisches Specialized e-Fully mit dem charakteristischen „Sidearm Design“ in der Dämpfer-Anlenkung. Beibehalten hat man auch den bewährten Federweg von 160 mm vorne und 150 mm hinten, der hervorragend zum Einsatzzweck des sportlichen Trailbikes passt.
Was optisch direkt auffällt, ist die neue Mullet-Bereifung mit 29 Zoll vorne und 27,5 Zoll hinten, beide nun in der wuchtigen Breite von 2,6 Zoll. Alle anderen Neuerungen erschließen sich einem erst so richtig auf den zweiten Blick. Sie sind aber dafür umso tiefgreifender.


Was ist neu am Turbo Levo Gen3?

Das Specialized Levo Gen3 ist mit einem im Oberrohr integrierten Display ausgestattet. Die Mastermind Turbo Control Unit (TCU) setzt neue Maßstäbe in Sachen Konnektivität und ist das „Gehirn“ des e-Bikes. Unter einem trailrobusten Gorillaglas hat man nun während der Fahrt, gut ablesbar, alle relevanten Daten über sich und das Rad direkt im Blick.

Neu sind unter anderem eine integrierte Höhenmessung, ein Echtzeit-Support-Tuning mittels direkter Anpassung der Unterstützungsstufen in 10 Prozent Schritten, eine Anzeige der verbleibenden Ladung in Prozent sowie die Anzeige der Herzfrequenz und Trittleistung. Das Display bietet eine individuelle Anpassung des Layouts mit 120 möglichen Konfigurationen. Die TCU kommuniziert außerdem mit der Mission Control App, um weitere Tuningmöglichkeiten und On-Trail-Diagnosen zu ermöglichen. Verliert das Specialized Levo Gen3 damit etwas von seinem ursprünglichen, minimalistischen und sportlichen Charakter? Ich finde nein. Das Turbo Levo ist inzwischen erwachsen geworden und auch in Sachen Konnektivität jetzt am Puls der Zeit.

Eine clevere Geometrieanpassung

Die für mich wichtigste Neuerung beim Levo Gen3 liegt aber in der Geometrie. Es verfügt über sechs Geometrieeinstellungen, die eine Anpassung an den persönlichen Fahrstil und das jeweilige Gelände ermöglichen. Die bereits oben erwähnte Mullet-Bereifung ermöglicht eine um 13 mm kürzere Kettenstrebe als noch beim Turbo Levo 2. Wie sich dies in der Praxis auswirkt erfahrt ihr im anschließenden Testbericht.

Specialized Turbo Levo Gen3 Detailaufnahme

Mittels Flip Chip am Horst Link lässt sich das Tretlager um 7 mm absenken. Drei verschiedene Steuerrohrwinkel ermöglichen eine Anpassung von 63 bis 65,5 Grad. Um guten Druck auf das Pedal zu bringen und ein steigendes Vorderrad bei steilen Anstiegen zu vermeiden, ist der Sitzwinkel nun mit 76,7° deutlich steiler geworden als beim Levo 2 mit 74,8°. Der Trend zu einem langen Reach (452 mm beim S3 Gen 3/435 mm Größe M Gen 2), einem flachen Lenkwinkel und einem steilen Sitzwinkel hält also weiterhin an.

Neu ist bei Specialized auch das sogenannte S-Sizing mit sechs zur Auswahl stehenden Größen (S1-S6). Die Idee dahinter ist, dass man die Rahmengröße nicht wie bisher nach seiner Beinlänge wählt, sondern nach seinem Fahrstil. Von der Sitzrohrlänge/ Sattelhöhe aus betrachtet, hat man nun immer mindestens die Auswahl zwischen zwei Rahmengrößen. Ob man sich für die Längere oder Kürzere entscheidet, ist eine Frage des persönlichen Fahrstils. Mag man es verspielter und agiler, greift man zur kleinen Größe. Mag man es abwärts laufruhiger, greift man zum größeren Rahmen. Nachdem die Räder die letzten Jahre im Radstand immer länger und länger geworden sind, ist das für mich eine sinnvolle Neuerung.

Der Specialized 2.2 Motor von Brose am Turbo Levo Gen3


In Sachen Antrieb gibt es ebenfalls einige Updates. Beim verbauten Specialized 2.2 Motor aus dem Hause Brose kommt ein neuer Riemen und eine neue Firmware zum Einsatz, die der Zuverlässigkeit und dem Fahrgefühl dienen sollen. Das Brose 2.2 Aggregat läuft gewohnt leise und leistet wie bisher kräftige 90 Nm. Auch an der Akkukapazität mit 700 Wh gab es keine Änderungen.
Neu ist hingegen die mit zwei Dichtungsklappen deutlich verbesserte Abdeckung der Ladebuchse und eine damit einhergehende Wetterbeständigkeit. Klasse! Auch beim Fahrwerk gibt es Neuerungen. Vorne arbeitet nun eine potente 38er FOX Factory Kashima Federgabel, hinten ist ein FOX-X2-Dämpfer verbaut. Schön, dass bei FOX inzwischen die Kashima-Beschichtung des Dämpfers den gleichen Farbton hat wie die Gabel.


Wir fährt sich das Specialized Turbo Levo Gen3 im Test?

Als Testfahrer hatte ich es zwar schon häufiger mit relativ hochpreisigen Bikes zu tun, das Turbo Levo Pro Gen3 stellt aber schon eine Region dar, die mich in der Praxis etwas vorsichtig stimmt: Einerseits möchte ich so eine High-End Profimaschine möglichst artgerecht bewegen, um sie richtig zu testen. Andererseits möchte ich keinesfalls riskieren, das Levo Pro bei einem Sturz in den Wald zu werfen… Ich entscheide mich daher als Teststrecke für eine meiner Hausstrecken im Südschwarzwald, den Etzenbacher Höhenweg, und einige anspruchsvolle, technische Trails im Münstertal. Sie bieten alles, was es braucht, um ein Trailbike wie das Turbo Levo auf Herz und Nieren zu prüfen. Außerdem bietet mir eine bekannte Strecke eine gute Vergleichbarkeit zu anderen e-MTBs, mit denen ich dort schon gefahren bin.

Ich fahre das Turbo Levo Pro im Standard Set Up, ohne Absenkung und mit dem 65,5 Grad Lenkwinkel. Ich bin 183 cm groß und fahre das S3, was etwa der Größe M entspricht. Größe S4, oder gar S5, wären laut Specialized-Tabelle für meine Größe wohl auch eine Option. Tatsächlich tendiere ich inzwischen aber wieder zu Bikes, die eher wendig und agil sind. Mit einem Radstand von 123 cm entspricht es ziemlich exakt der Länge früherer L-Rahmen, die ich gefahren bin. Vom Kloster St. Trudpert im Münstertal aus starte ich meine Testfahrt. Der erste Kilometer läuft auf einem asphaltierten Radweg mit wenig Steigung und gibt mir Gelegenheit, mich mit dem Gen3 vertraut zu machen.

Ich fühle mich jedenfalls sofort wohl auf dem Bike und freue mich, während ich mich mit den Möglichkeiten der TCU vertraut mache, über den genial leisen Brose Antrieb. Nun geht es steil bergauf. Mir hallen noch die Worte meines Kollegen im Ohr, der keine Mullets mag, weil das Vorderrad, bedingt durch die kurze Kettenstrebe, angeblich immer so schnell im steilen Gelände steigt.

Rauf und runter

Auf dem Etzenbacher Höhenweg angekommen, genieße ich den fantastischen Ausblick auf das Bergpanorama im Südschwarzwald und den Blick in die Rheinebene bis zu den Vogesen. Ich bin froh, dass der leise Brose Antrieb nicht das Naturerlebnis trübt. Auf dem Bergkamm fahre ich nun bergauf zur Sonnhalde. Heftige Wurzelfelder sind auf dem kargen, ausgewaschenen Boden ständige Begleiter. Das potente Fahrwerk schluckt auch größere Wurzeln problemlos weg. Selbst richtig große Wurzeln in steilen Anstiegen sind für das Turbo Levo der 3. Generation kein Problem. Langsam bekomme ich das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

Cockpit des Specialized Levo Gen3

Nun folgt die erste Abfahrt zum Berggasthaus Kohlerhof auf einem relativ steilen Weg mit viel losem Gestein. Wow! Die Fox Factory 38 Gabel bügelt alles glatt, obwohl ich mich mit den komplexen Setup-Möglichkeiten (High Speed/Low Speed Compression) der Gabel noch gar nicht allzu ausgiebig beschäftigt habe. Auch bieten die 29er Butcher auf dem Vorderrad viel Grip und Laufruhe.

Als letztes Testfeld begebe ich mich nun auf einen technischen Trail bergab ins Münstertal mit zahllosen engen Spitzkehren. Nun kommt es auf die Agilität und Wendigkeit an. Ein großer Vorteil des Turbo Levo Pro Gen3 ist sein relativ niedriges Gewicht für ein e-MTB mit 90 Nm Leistung und 700 Wh Akkukapazität. Fahrfertig mit Pedalen habe ich ein Gewicht von 21,3 kg festgemacht. Manöver, wie Hinterradversetzen in engen Kehren, gelingen damit leichter als mit schwereren Bikes. Auch bin ich in extrem engen Kehren – wo es buchstäblich auf jeden Zentimeter ankommt, ob sie fahrbar sind oder nicht – froh, nun das etwas kleinere S3 e-Bike zu haben. Mir gefällt die Mullet-Geometrie sehr gut. Die Vorteile liegen in der Kombination aus Laufruhe, dank 29 Zoll Vorderräder, und Agilität, dank kurzer Kettenstrebe. Der Trail endet irgendwann, aber das Grinsen bleibt mir noch lange im Gesicht.

Das Fazit zu meiner Testfahrt mit dem neuen Turbo Levo Gen3


Das Specialized Turbo Levo Gen3 ist in der Pro Version der absolute Hammer und in kundiger Hand eine echte Waffe für die Jagd auf Hundertstelsekunden in entsprechenden Rennserien. Für technikaffine Hobbybiker, die sich etwas ganz Besonderes leisten wollen, bietet dieses Bike zahllose Abstimmungsmöglichkeiten, die aufgrund der Komplexität und Vielfältigkeit vermutlich nur wenige voll ausschöpfen werden. Aber das Motto lautet: Man könnte, wenn man wollte. Und mega Spaß macht das neue Turbo Levo garantiert! Herzlichen Dank an die e-Bike Experten von e-motion e-Bike Welt Freiburg Süd für die Bereitstellung des Testbikes!

Specialized Turbo Levo Gen3 vor der e-Bike Welt Freiburg Süd

Beste Grüße aus dem schönen Südschwarzwald,

Euer Belchenradler
e-Biketouren Radreisen Fahrtechnik
www.belchenradler.de

Christof

Christof

...alias der Belchenradler nimmt die neuesten e-Bikes unter die Lupe
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